Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 Seite 2

 

Versuchen wir's mit der ›Naivität‹ mal an einem beliebigen Beispiel: Wenn ich heute eine Deutsche Mark seriös und festverzinslich anlege – sagen wir, in Staatsanleihen zu 5 % Verzinsung –, dann können, abzüglich einer mit 5 % angenommenen jährlichen Inflation nach 800 Jahren 20 Milliarden Menschen von der Zinsrendite prima leben. Sie brächte nämlich etwa 500 Mark pro Kopf und Tag. Für viermal mehr Menschen, als heute auf der Erde leben. Von nur einer Mark. Ohne einen Finger zu rühren. Ist das nicht toll?

Das ist keine böswillig konstruierte Verdrehung, sondern die Konsequenz einer ökonomischen Grundregel, die heute heilig ist und von niemandem ernsthaft angezweifelt wird: dem Zins. Kluge Ökonomen werden entgegnen, daß dieser Fall unwahrscheinlich wäre, das hielte keine Bank und kein Staat 800 Jahre durch. Stimmt. Und genau darum geht es: Die Zinsidee lebt vom exponentiellen* Wachstum. Sie kann auf Dauer nur funktionieren, wenn auch die Wirtschaft unendlich wächst. Exponentielles Wachstum aber ist nur theoretisch möglich. Weder der Mensch noch die Umwelt kann sie verkraften.

http://olf4.de/S/Stowasser/p14.htm

 

-------------------------------------------

 

fairgeben

fairsorgen

fairteilen

 

Gottes Spielregeln für
eine gerechte Welt

 

Brot fd Welt 2005

 

ergänzt:

fairstehen

vergeben

Fairsorge (Fürsorge/Sorge)

Fairsöhnung

 

rz

 

---------------------------------

 

2. Bedenken

Aber besteht nicht auch Anlaß zu Bedenken, vielleicht sogar zu einem Verdacht? Müßte man - gerade wenn man des Hörens fähig geworden ist - in den Plädoyers für das Hören nicht auch eine fatale Verbindung mithören: die zur Hörigkeit? Ist es vom sympathischen Lobpreis des Hörens wirklich so weit zu fatalen Apologien von Hörigkeit und Gehorsam?

Für Hörigkeit wird niemand plädieren wollen. Man wird die Gewinne der Aufklärung - die gerade das Ende der Hörigkeit zum Programm gemacht hatte - nicht leichtfertig preisgeben wollen. Dann aber benötigt man Abgrenzungskriterien, die angeben, bis wohin dem Hören Folge zu leisten ist und wo nicht mehr. Dann kann das Hören nicht alles sein. Man wird dafür Sorge tragen müssen, daß die wie immer berechtigte Kritik an der Moderne nicht eilfertig eine postmoderne Epoche des Hörens ausruft, die sich in Wahrheit als Epoche prämoderner Hörigkeit entpuppen könnte.

 

Solche Grenzziehungen will ich im folgenden versuchen. Außerdem möchte ich Randbedingungen des Themas ansprechen und Vorurteile thematisieren, mit denen das Hören zu kämpfen hat.

 

 

Die rein sinnliche Bedeutung von Sehen und Hören ist stets von weiterreichenden Bedeutungsdimensiorien begleitet.

Daher wird nicht erst die große Hör-Revolution, sondern schon eine bescheidenere Hör-Revision auf den Gesamthaushalt unserer Kultur ausstrahlen können. Platon beispielsweise - bekanntlich nicht gerade ein Sinnenfreund - hatte ein sehr genaues Gespür dafür, daß die Einführung neuer Musikformen die Formen des Zusammenlebens und die Gesetze des Staates nicht unberührt lassen werde. (vergl Plato Politeia) Wie wir Menschen mit unseren Sinnen umgehen, wirkt sich auch auf unser übriges Selbstsein und unser Weltverhalten insgesamt aus.

 

Welsch 232ff

 

-------------------------------------------------------------

 

 

The Views of 6 Winners of
the “Nobel Prize” for Economics

 

". . . economics has become increasingly an arcane branch of mathematics rather than dealing with real economic problems"

Milton Friedman

 

“[Economics as taught] in America's graduate schools... bears testimony to a triumph of ideology over science.” 
Joseph Stiglitz

 

"Existing economics is a theoretical [meaning mathematical] system which floats in the air and which bears little relation to what happens in the real world"

Ronald Coase

 

“We live in an uncertain and ever-changing world that is continually evolving in new and novel ways.  Standard theories are of little help in this context.  Attempting to understand economic, political and social change requires a fundamental recasting of the way we think” 

Douglass North

 

“Page after page of professional economic journals are filled with mathematical formulas […] Year after year economic theorists continue to produce scores of mathematical models and to explore in great detail their formal properties; and the econometricians fit algebraic functions of all possible shapes to essentially the same sets of data”

Wassily Leontief

 

“Today if you ask a mainstream economist a question about almost any aspect of economic life, the response will be: suppose we model that situation and see what happens…modern mainstream economics consists of little else but examples of this process”

Robert Solow

 

aus: http://www.paecon.net/

--------------------------------------------------------

 

 

RELIGIÖSE NACHRICHT

Als die Nachricht um  die Erde lief, Gott sei aus der Kirche ausgetreten, wollten viele das nicht glauben. „Lügen, Propaganda und Legende“ sagten  sie, bis die Oberen und Mächtigen der Kirche sich erklärten und in einem sogenannten Hirtenbrief folgendes erzählten:

„Wir, die Kirche, haben Gott dem Herrn in aller Freundschaft nahegelegt, doch das Weite aufzusuchen, aus der Kirche auszutreten und gleich alles mitzunehmen, was die Kirche immer schon gestört.

Nämlich seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit

und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld.

Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben,

seine Nachsicht, seine fassungslose Milde,

seine gottverdammte Art und Weise, alles zu verzeihen und zu helfen - sogar denen,

 die ihn stets verspottet!

Seine Heiterkeit, sein utopisches  Gehabe,

seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben,

seine Virtuosität des Geistes überall und allenthalben,

auch sein Harmoniekonzept bis zur Meinungslosigkeit,

seine unberechenbare Größe

und vor allem, seine Anarchie des Herzens - usw.

 

Darum haben wir, die Kirche, ihn und seine große Güte unter Hausarrest gestellt, äußerst weit entlegen, daß er keinen Unsinn macht und fast kaum zu finden ist.“

 

Viele  Menschen, als sie davon hörten, sagten: „Ist doch gar nicht möglich! Kirche ohne Gott? Gott ist doch die Kirche! Ist doch eigentlich gar nicht möglich! Gott ist doch die Liebe, und Kirche ist die Macht, und es heißt: „Die Macht der Liebe!“

Oder geht es doch nur noch um die Macht?

 

Andere sprachen:

 „Auch nicht schlecht, nicht schlecht;

 Kirche ohne Gott! Warum nicht Kirche ohne Gott?“

Ist doch gar nichts Neues, gar nichts Neues!

Gott kann sowieso nichts machen. Heute läuft doch alles anders.

Gott ist out, Gott ist out!

War als Werbeträger nicht mehr zu gebrauchen.“

Und: „Die Kirche hat zur rechten Zeit das Steuer rumgeworfen.“

„Kirche ohne Gott!, das ist d e r Slogan.

 

Doch den größten Teil der Menschen sah man hin und her durch alle Kontinente ziehen, und die Menschen sagten:

„Gott sei Dank. Endlich ist er frei. Kommt, wir suchen ihn!“

 

(Hanns Dieter Hüsch, Berlin 1989 vorgetragen auf dem Liturgischen Fest beim 23. Deutschen Evangelischen Kirchentag,)

 

 

----------------------------------------------------

1

 

Wer glaubt, ein Christ zu sein,
weil er die Kirche besucht, irrt sich.
Man wird ja auch kein Auto,
wenn man in die Garage geht.

Albert Schweitzer

 

2

Menschlichkeit besteht darin,
daß niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.

Albert Schweitzer

 

3

Was aus Liebe getan
wird, geschieht immer
jenseits von Gut und Böse.

Friedrich Nietzsche

 

4

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll
Seit ich liebe? Warum achtetet ihr mich mehr, da ich
Stolzer und wilder
Wortereicher und leerer war?

Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen,
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.
Friedrich Hölderlin

 

 

5

Ich will mit dem gehen,
den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen,
was es kostet.
Ich will nicht nachdenken,
ob es gut ist.
Ich will nicht wissen,
ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen,
den ich liebe.

Berthold Brecht, 'Der gute Mensch von Sezuan'

 

1-5 AUS: http://www.zottel.org/index.html

 

-------------------------------------------------------------

 

„Seit meiner Kindheit

bin ich den Menschen auf der Spur.

Ich fragte viel.

Ich blieb sitzen,

wo viele gingen.

Ich lasse die Menschen

nicht aus meinen Augen.

Seit meiner Kindheit

bin ich den Menschen auf den Fersen.

Auf diesem Weg hab’ ich

viel von Gott entdeckt.“

 

Martin Gutl

 

----------------------------------------------------------------

 

Das Denken schließlich (das wir außer Betracht gelassen haben, weil die gesamte Überlieferung, inklusive der Neuzeit, es niemals als eine Tätigkeit der Vita activa verstanden hat) hat, so möchte man hoffen, von der neuzeitlichen Entwicklung noch am wenigsten Schaden genommen. Es ist möglich und sicher auch wirklich, wo immer Menschen unter den Bedingungen politischer Freiheit leben. Aber auch nur dort. Denn im Unterschied zu dem, was man sich gemeinhin unter der souveränen Unabhängigkeit der Denker vorstellt, vollzieht sich das Denken keineswegs in einem Wolkenkuckucksheim, und es ist, gerade was politische Bedingungen anlangt, vielleicht so verletzbar wie kaum ein anderes Vermögen. Jedenfalls ist es erheblich leichter, unter den Bedingungen tyrannischer Herrschaft zu handeln als zu denken. Die Erfahrung des Denkens hat seit eh und je, vielleicht zu Unrecht, als ein Vorrecht der Wenigen gegolten, aber gerade darum darf man vielleicht annehmen, daß diese Wenigen auch heute nicht weniger geworden sind. Dies mag von nicht zu großer Bedeutung oder doch von nur sehr eingeschränkter Bedeutung für die Zukunft der Welt sein, die nicht vom Denken, sondern von der Macht handelnder Menschen abhängt; es ist nicht irrelevant für die Zukunft des Menschen. Denn hätten wir die verschiedenen Tätigkeiten der Vita activa lediglich von der Frage her betrachtet, welche von ihnen die »tätigste« ist und in welcher sich die Erfahrung des Tätigseins am reinsten ausspricht, dann hätte sich vermutlich ergeben, daß das reine Denken alle Tätigkeiten an schierem Tätigsein übertrifft. Diejenigen, die sich in der Erfahrung des Denkens auskennen, werden schwerlich umhin können, dem Ausspruch Catos zuzustimmen: numquam se plus agere quam nihil cum ageret, numquam minus solum esse quam cum solus esset, was übersetzt etwa heißt: »Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.«

 

Hannah Arendt   Vita Aktiva  S.414 -415

 

 

-------------------------------------------------------------


Wie ihr aber an allem reich seid, an Glauben, Rede und Erkenntnis, an jedem Eifer und an der Liebe, die wir in euch begründet haben, so sollt ihr euch auch an diesem Liebeswerk mit reichlichen Spenden beteiligen.
Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.
Denn es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich.
Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen, wie es in der Schrift heißt: Wer viel gesammelt hatte, hatte nicht zu viel, und wer wenig, hatte nicht zu wenig.

NT 2 Kor 8, 7.9.13-15

-----------------------------------------------------------

 

 

ALLE HABEN GESÜNDIGT

UND ERMANGELN DES RUHMES,

DEN SIE BEI GOTT HABEN SOLLTEN. (RÖM 3,23)

 

 

DEN HASS, DER RASSE VON RASSE

TRENNT, VOLK VON VOLK,

KLASSE VON KLASSE,

VATER VERGIB

 

DAS STREBEN DER MENSCHEN UND

VÖLKER ZU BESITZEN,

WAS NICHT IHR EIGEN IST

VATER VERGIB

 

DIE BESITZGIER, DIE DIE

ARBEIT DER MENSCHEN AUSNUTZT

UND DIE ERDE VERWÜSTET

VATER VERGIB

 

UNSEREN NEID AUF DAS WOHLERGEHEN

UND GLÜCK DER ANDEREN

VATER VERGIB

 

UNSERE MANGELNDE TEILNAHME AN

DER NOT DER GEFANGENEN,

HEIMATLOSEN UND FLÜCHTLINGEN

VATER VERGIB

 

DIE WOLLUST, DIE ZUM SEXUELLEN

MISSBRAUCH VON KINDERN, FRAUEN

UND MÄNNERN VERLEITET

VATER VERGIB

 

DEN HOCHMUT, DER UNS VERLEITET,

AUF UNS SELBST ZU VERTRAUEN

UND NICHT AUF GOTT

VATER VERGIB

 

SEID UNTEREINANDER FREUNDLICH,

HERZLICH UND VERGEBET EINER DEM

ANDEREN, WIE GOTT EUCH VERGEBEN

HAT IN JESUS CHRISTUS. (EPH. 4,32)

(Gebet zum Nagelkreuz von Coventry)

 

 

-------------------------------------------------------------

 

Christsein wird in Zukunft
in Zweierlei bestehen:
Im Beten und im Tun
des Gerechten

(Dietrich Bonhoeffer)

 

 

------------------------------------------------------------

 

Widerstand

 

Immer noch suchend

wo Gegenwehr

möglich ist

(möglich bleibt oder wird)

nicht nur als Geste

 

oder zumindest

als Geste die etwas

lebendig

unabgestumpft

erhalten hilft

wenn das vielleicht auch

 

zuerst nur der eigene Abscheu ist

Angst

die sich weigert

sich ducken vor dem

was so mächtig scheint

 

allmächtig

bis auf die Hoffnung

daß diesen Abscheu

diese Angst

diese Weigerung sich zu ducken

andere teilen

 

Erich Fried

 

-------------------------------------------------------

 

 

Zuversicht

Könnte es nicht sein,

dass die Zukunft der Welt

an unserer Zuversicht hängt -

nicht an unserer Blauäugigkeit

oder der Verleugnung der Probleme -,

aber an unserer entschiedenen Hoffnung,

an unserer verwandelnden Liebe

und an unserer Leidenschaft für das Leben?

 

Nur wenn wir Hoffnung atmen,

trotz der sich auftürmenden Hindernisse,

nur wenn wir Hoffnung sprechen,

trotz der Lügen und des Geschwätzes um uns,

wenn wir Hoffnung lachen, ahnen, träumen,

setzen wir etwas gegen die Zerstörung.

 

Es gibt eine Schau der Zukunft:

vorbei an den Kinderkrankheiten,

an unserem Zögern, erwachsen zu werden,

vorbei an unserer Halbherzigkeit und Härte,

an unserem Egoismus, der uns klein macht,

vorbei an Katastrophen und Kriegen.

Diese Sicht kann schon sehen,

dass wir uns selbst überwinden werden,

dass Krieg und Terrorismus

keine Lösungen sind, und dass wir

zu reifen Verwaltern der Welt werden.

 

Mit dieser Sicht beginnt schon jetzt

der Wunsch aller Wünsche

- geliebt zu werden und zu lieben -

in Erfüllung zu gehen. Dann wird

Zuversicht unser Kennzeichen sein,

Hoffnung unsere Atmosphäre

und gelebte Nächstenliebe unser Einsatz.

 

(Ulrich Schaffer)

 

 

----------------------------------------------------

 

Die große Entscheidung

 

Wir stehen an einer kritischen Wegscheide.

Die Welt, die wir geschaffen haben,

wird nicht mehr lange halten,

wenn wir nicht etwas tun.

Die Unsicherheit und Unzufriedenheit

unserer Welt sind unsere große Chance.

Herrschaftssucht und Umweltzerstörung,

mit denen wir uns die Welt untertan

gemacht haben, müssen ersetzt werden

durch eine tiefe Liebe zu diesem Organismus,

der unser Leben ist.

 

Noch nie gab es sechs Milliarden Menschen

auf diesem kleinen Planeten,

noch nie stand alles so auf Messers Schneide

für unsere Mutter Erde. Noch nie waren wir so

am Rande der Unumkehrbarkeit -

diesem großen und endgültigen Absturz.

 

Noch nie war es so nötig,

unser Herz zu verändern.

Werden wir den Durchbruch finden

zu einem neuen Verständnis der Welt

und zu unserem Platz in ihr?

 

Gerade mitten im Chaos,

wenn alles zu Ende zu gehen scheint,

gibt es die Möglichkeit des Neuen.

Wenn die Not am größten ist,

wird unsere Suche so ernst wie nie vorher.

 

Was wir alle verursachen,

können wir letztlich nur alle lösen.

Nicht die Experten erlösen uns,

nicht die Führer und Verführer,

nicht die Großen und Berühmten

sondern der Einsatz eines jeden von uns -

diese kleine tägliche Hoffnung,

die neues Leben möglich macht.

 

(Ulrich Schaffer)

 

 

-----------------------------------------------------------------

 

Es ist Zeit

 

Es ist Zeit, uns nicht mehr

auf das zu konzentrieren, was nicht geht.

Es ist leicht, noch einmal,

zum tausendsten Mal,

die lange Litanei der Unmöglichkeiten

herunterzubeten und zu betonen, dass der

Mensch kleinlich, egoistisch und böse ist.

Das Trachten des menschlichen Herzens

ist böse von Jugend an,

haben wir aus der Bibel gelernt

und gedankenlos nachgeredet,

ohne uns selbst als wirklich böse zu sehen.

 

Komm, wir wollen uns auf das Unglaubliche,

das in uns steckt, konzentrieren.

Wir wollen es hervorlocken, gestalten

und so fest damit rechnen,

dass wir es herbeiglauben.

 

            (Ulrich Schaffer)

 

----------------------------------------------------------------------------

 

 

Psalm 55

Dem Vorsänger, mit Saitenspiel. Ein Maskil von David.   2 Nimm zu Ohren, o Gott, mein Gebet, und verbirg dich nicht vor meinem Flehen! 3 Horche auf mich und antworte mir! Ich irre umher in meiner Klage und muß stöhnen 4 vor der Stimme des Feindes, vor der Bedrückung des Gesetzlosen; denn sie wälzen Unheil auf mich, und im Zorn feinden sie mich an. 5 Mein Herz ängstigte sich in meinem Innern, und Todesschrecken haben mich befallen. 6 Furcht und Zittern kamen mich an, und Schauder bedeckte mich. 7 Und ich sprach: O daß ich Flügel hätte wie die Taube! Ich wollte hinfliegen und ruhen. 8 Siehe, weithin entflöhe ich, würde weilen in der Wüste. (Sela.) 9 Ich wollte eilends entrinnen vor dem heftigen Winde, vor dem Sturme. 10 Vernichte, Herr, zerteile ihre Zunge! Denn Gewalttat und Hader habe ich in der Stadt gesehen. 11 Tag und Nacht machen sie die Runde um sie auf ihren Mauern; und Unheil und Mühsal sind in ihrer Mitte. 12 Schaden tun ist in ihrer Mitte, und Bedrückung und Trug weichen nicht von ihrer Straße. 13 Denn nicht ein Feind ist es, der mich höhnt, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser ist es, der wider mich groß getan hat, sonst würde ich mich vor ihm verbergen; 14 sondern du, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter; 15 die wir trauten Umgang miteinander pflogen, ins Haus Gottes wandelten mit der Menge. 16 Der Tod überrasche sie, lebendig mögen sie hinabfahren in den Scheol! Denn Bosheiten sind in ihrer Wohnung, in ihrem Innern. 17 Ich aber, ich rufe zu Gott, und Jahwe rettet mich. 18 Abends und morgens und mittags muß ich klagen und stöhnen, und er hört meine Stimme. 19 Er hat meine Seele in Frieden erlöst aus dem Kampfe wider mich; denn ihrer sind viele gegen mich gewesen. 20 Hören wird Gott und sie demütigen, er thront ja von alters her (Sela.); weil es keine Änderung bei ihnen gibt und sie Gott nicht fürchten. 21 Er hat seine Hände ausgestreckt gegen die, welche mit ihm in Frieden waren; seinen Bund hat er gebrochen. 22 Glatt sind die Milchworte seines Mundes, und Krieg ist sein Herz; geschmeidiger sind seine Worte als Öl, und sie sind gezogene Schwerter. 23 Wirf auf Jahwe, was dir auferlegt ist, und er wird dich erhalten; er wird nimmermehr zulassen, daß der Gerechte wanke! 24 Und du, Gott, wirst sie hinabstürzen in die Grube des Verderbens; die Männer des Blutes und des Truges werden nicht zur Hälfte bringen ihre Tage. Ich aber werde auf dich vertrauen.

 

 

------------------------------------

Dem Chormeister, zum Saitenspiel,
eine Eingebungsweise Davids.

Lausche, o Gott, meinem Gebet!
Nimmer entziehe Dich meinem Flehen!
Achte auf mich und gebe mir Antwort!

 

Siehe, wie ich umherstreife in meinem Jammer
und wie verstört ich bin
vor der Stimme meines Feindes,
vor dem Martern des Frevlers,
denn sie rollen stark auf mich nieder
und befehden mich im Zorn.

 

Mein Herz erzittert in meinem Innern,
Todesängste fallen über mich her.
Furcht und Zittern kommen über mich;
vor Entsetzen schaudere ich,

 

dass ich spreche:
"Wer gibt mir eine Schwinge der Taube gleich?
Ich flöge davon und hätte wohl Ruh'."

 

Ja, weit in die Ferne wollte ich fliehen,
in der Wüste wollte ich weilen und nächtigen.
An einen sicheren Ort wollte ich eilen,
vor brausendem Wind und tobendem Sturm.

 

Verwirre sie, o Herr, und spalte ihre Zunge,
denn Raub und Streit sehe ich in der Stadt.
Am Tage und in der Nacht sind sie so umgeben
in ihren Mauern.

 

Unheil und Pein sind in ihrer Mitte,
in ihrem Innern ist Verderben.
Erpressung und Betrug weicht nicht
von ihrem Markt.

 

Doch nicht ein Feind ist es,
der mich verhöhnt,
- dies wollte ich ertragen - !
Nein, nicht mein Hasser
tut sich groß und wider mich,
- vor ihm würde ich mich verstecken - !
Nein, da ist ein Mensch,
der ist mir gleich,
mein Freund und mein Vertrauter,
mit dem wir freundschaftliches Einvernehmen pflegten
und miteinander gingen in der Menge zum Hause Gottes.

 

Der Tod möge über sie kommen,
lebend sollen sie ins Erdreich sinken,
denn Bosheit ist in ihrer Wohnung
und in ihrem Innersten.

 

Ich aber, ich rufe zu Gott,
und der Herr wird mich befreien;
des abends, des morgens und des mittags
klage ich und stöhne ich;
erhören wird mich, Gott der Herr,
und ihnen antworten.
Er, der Herr, der da thront von Urbeginn an,
wird sie niederwerfen,
denn sie werden sich nicht ändern
und haben keine Furcht vor Gott.

 

Jeder legt seine Hand an seinen Freund
und entweiht ihren Bund.
Glatt wie Rahm sind die Worte seines Mundes
und hat doch nur Krieg im Sinn.
Seine Reden fließen weicher als das Öl,
aber sie sind wie gezückte Degen.

 

Wirf auf den Herrn dein Geschick,
er selber wird für dich sorgen.
Auf ewig lässt er den Gerechten nicht wanken.

 

Du selber Herr und Gott,
Du wirst sie hinabstoßen in die tiefste Gruft,
gleich der Tiefe eines Brunnens,
die Männer, die blutrünstig sind und große Betrüger,
sie erreichen nicht die Hälfte ihres Lebens.
Ich aber, o Herr, weiß mich bei Dir geborgen

 

Psalm 55 nach M. Buber

 

--------------

 

Die meisten Menschen,

und ganz besonders die Christen,

sind Thermometer.

Sie zeigen die Temperatur

der Mehrheitsmeinung an.

Aber sie sind keine Thermostaten.

Sie ändern und regeln die Temperatur der Gesellschaft nicht.

 

Die meisten Menschen fürchten nichts so sehr,

als eine Stellung zu beziehen,

die sich klar von der vorherrschenden Meinung unterscheidet.

Sie haben das Bestreben,

sich eine Ansicht zu bilden,

die so umfassend ist,

dass sie alles umschließt,

und so populär wird, dass jedermann sie teilt.

 

Wir müssen uns entscheiden.

Wollen wir nach dem Trommelschlag

des Konformismus weitermarschieren,

oder wollen wir auf den Schlag einer anderen,

ferneren Trommel lauschen

und nach ihrem Takt ausschreiten?

Wollen wir unseren Schritt

der Musik der Welt anpassen,

oder wollen wir trotz Hohn und Spott

der die Seele rettenden Musik der Ewigkeit folgen?

Mehr als je zuvor werden wir heute

von den Worten herausgefordert,

die aus dem Gestern zu uns herüber klingen:

"Stellt euch nicht dieser Welt gleich,

sondern verändert euch durch

die Erneuerung eures Sinnes!" (Römer 12,2)

 

(Martin Luther King)

 

---         ------        

 

In einer Tagebuchnotiz schreibt Kirkegaard 1839 in Vorahnung auf sein kommendes Leben: "Du blinder Gott der Liebe. Du, der du im Dunkeln siehst, willst du mir Klarheit schenken?...  Oh, ich will alles von mir werfen, um leicht genug zu sein, damit ich dir folgen kann.

aus: http://www.ekd.de/print.php?file=/glauben/kirgegaard.html

 

 --- ---          ----

 


"Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles seine Bemerkungen"
(Heinrich Heine)

"Nur der Dumme lernt aus Erfahrung, der Kluge aus der Erfahrung der anderen"
(Rolf Hochhut)

"Wir tun so viel, um so wenig zu denken"
(Rolf Hochhut)

"Die Dummen haben das Pulver nicht erfunden, aber sie schießen damit"
(Gerhard Uhlenbruck)

"Gesellschaftlich ist kaum etwas so erfolgreich wie Dummheit mit guten Manieren"
(Voltaire)

"Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie freien Entfaltung der Persönlichkeit"
(Mark Twain)

"Man sollte eigentlich im Leben niemals die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist so groß"
(Bertrand Russel)

"Es ist ein aufwendiger Prozeß, von einer Dummheit zur nächsten umzulernen"
(Michael Richter)

"Jede Dummheit findet einen, der sie macht"
(Tennesse Williams)

"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher"
(Albert Einstein)

 

AUS: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv1/a2075.html

 

Farbig durchleuchtet

das Licht, löst Sehnsucht das Blatt.

Zum Ursprung schwebt es.

Erhard Dill

------------------------------------------------------------

 

 

Immer wieder in den dunkelsten

Momenten der Geschichte

hat es eine kleine Gruppe

von Männern und Frauen,

über die ganze Welt verteilt,

geschafft, den Kurs

der geschichtlichen Entwicklung

zu verändern.

Dies war nur möglich,

weil ihre Hoffnung größer

als alle Hoffnung war.

 

Frère Roger Schutz)

 

-----------------------------------------

 

 

ZUFRIEDEN ZU SEIN, DASS ER EIN MENSCH IST:

  

Wenn ein Liebender die Tränen abtrocknet und der Bekümmerte hört doch nicht zu weinen auf: heißt das eigentlich die Tränen abtrocknen? Wer aber den Bekümmerten veranlasst, mit dem weinen aufzuhören, der trocknet die Tränen.

……

Betrachte die Lilie, sieh, wie lieblich sie zu deinen Füßen steht, verschmähe sie nicht, sie wartet ja darauf, daß du dich an ihrer Pracht erfreuest. Sieh, wie sie sich im Winde bewegt, wie sie alles abwirft, um ja lieblich zu bleiben. Sieh, wie sie sich am Winde erfrischt, gleichsam Bewegung macht, damit sie sich dann wieder still an ihrem glücklichen Dasein erfreuen möge! Sieh, wie freundlich sie ist, nur zu Spiel und Spaß aufgelegt, während sie doch, indem sie nachgibt, über den heftigsten Sturm siegt und ihn aushält! Betrachte den Vogel unter dem Himmel, schau, wie er fliegt; vielleicht kommt er von weit her, aus fernen, fernen, glücklicheren Ländern — aber dann sind ja diese doch da; vielleicht fliegt er fort, weit fort in ferne, ferne Länder — so laß ihn deine Sorge mitnehmen! Und das tut er, ohne die Bürde zu merken, wenn du nur nicht aufhörst, ihm nachzusehen. Sieh, wie er nun gleichsam stillesteht, er ruht aus — im unendlichen Raum; er ruht sich also dort aus, wo keine Ruhe möglich scheint! Sieh, wie er seinen Weg findet; und doch, welcher Weg durch alle Drangsale und Widrigkeiten eines Menschenlebens ist so schwierig, so unbegreiflich, wie „der rätselhafte Weg des Vogels durch die Lüfte"! Es gibt also einen Weg, und er läßt sich finden, wo der Weg eine Unmöglichkeit zu sein scheint.

Wie jedoch jede Zerstreuung nicht bloß die Zeit vertreiben soll, sondern vornehmlich dazu dient, den Bekümmerten auf andere Gedanken zu bringen: so wollen wir nun betrachten, wie der Bekümmerte, der auf die Lilie und auf den Vogel sieht, mit Hilfe der göttlichen Zerstreuung, die die Wolken zerteilt, an anderes als an die Sorge zu denken beginnt, wie er, indem er die Sorge in der Zerstreuung vergißt, hingeführt wird zu bedenken:

WIE HERRLICH ES IST, EIN MENSCH ZU SEIN.

 

„So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, oh, ihr Kleingläubigen." Gott kleidet also das Gras oder das Gras ist bekleidet; des Stengels schön geformte Hülle, des Blattes feine Linien, die lieblichen Abschattungen der Farben, der ganze Reichtum, wenn ich so sagen darf, an Bändern und Schleifen und Putzwerk — all das gehört mit zur Bekleidung der Lilie, und es ist Gott, der sie so kleidet. „Sollte er das nicht viel mehr euch tun,

………………..

So versinkt der Bekümmerte in Wehmut, es wird ihm schwarz vor den Augen, die Schönheit der Natur verblaßt, der Vogelgesang verstummt, es wird totenstille, die Vergänglichkeit will alles verzehren — und doch kann der Bekümmerte nicht den Vogel und die Lilie vergessen, es ist, als wollte er sie vom Tode erretten durch seine Erinnerung, sie für ein langes Leben retten, indem er sich ihrer erinnert. Gerade darin liegt die Wehmut. Aber ist wohl die ernste Ermahnung des Todes an den Tod ergreifender als die der Wehmut, die in diesen Worten enthalten ist: ist es Leben oder Sterben? Die Gestalt des Todes, der bleiche Sensenmann,ist wohl entsetzlicher; aber ergreifender ist es, wenn der Tod in die Pracht der Lilie gekleidet ist. So wird wohl der Bekümmerte, indem ihn die Wehmut ergreift, schwach wie ein Weib, wird friedlich wie eine Stadt, die sich ergeben hat — und der Trost findet Zugang.

So wollen wir bedenken, wie der Bekümmerte bei der Lilie und beim Vogel durch die Wehmut allen Ernstes an anderes zu denken beginnt als an die Sorge, wie er dazu gerührt wird, recht zu bedenken:

 

WELCHE SELIGKEIT DEM VERHEISSEN IST, DER MENSCH SEIN WILL.

 

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten; ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Aber sind denn das auch Worte des Evangeliums? Gewiß, so beginnt ja gerade unser Evangelium von den Lilien auf dem Felde und von den Vögeln des Himmels. Aber wendet sich diese Rede an einen Bekümmerten? Gewiß, sie richtet sich an einen Bekümmerten, dem ein hoher Wert zugemessen wird, und gerade deshalb ist die Rede streng. Je strenger einer, der da Macht hat, zu einem Bekümmerten redet, um so mehr gesteht er ihm auch zu; je mehr er von dem Bekümmerten fordert, um so mehr gesteht er ihm auch zu: die Strenge und die Forderung sind gerade das Zugeständnis. Ist es nicht so ? Wenn der Arzt sieht, dass es mit dem Kranken vorbei ist, da kann man es gleich an der Stimme des Arztes hören: er spricht darüber hinweg, halblaut, ausweichend. Wenn aber dagegen der Arzt sieht, daß noch viel zu tun ist, vor allem, daß der Kranke selbst noch viel tun kann, dann spricht er streng; die Strenge ist dann gerade ein Zugeständnis. Deshalb ist es gar nicht so unweise, was man bisweilen hört, wenn ein Mensch, statt Milde zu erbitten, sagt: Oh, miß mir nur Strenge zu. Und die strenge Rede des Evangeliums, ist sie nicht wie das Wort eines strengen Vaters, der zum Kinde sagt: Ich will kein Weinen hören! Nimmt der ernste Vater deshalb nicht Anteil an der Bekümmerung des Kindes? Eben ja!

Er will gerade, daß es die rechte Bekümmerung sei, er ist aber wie ein verzehrendes Feuer gegen die törichte Bekümmerung. So ist es auch im Evangelium. Es kann auf mancherlei Weise von den Lilien und von den Vögeln reden, es kann sanft reden, bewegend, einschmeichelnd, empfindsam fast wie ein Dichter, und ein Mensch darf auch so reden, darf den Bekümmerten anlocken; wenn aber das Evangelium gebieterisch redet, dann redet es mit dem Ernst der Ewigkeit, dann ist nicht mehr Zeit, träumerisch der Lilie nachzuhangen oder dem Vogel sehnsuchtsvoll nachzuschauen: ein kurzer lehrreicher Hinweis auf die Lilie und den Vogel, aber dann die ewige Forderung des Ernstes. Und was von der Zerstreuung gilt, daß sie, um zu besänftigen, den Bekümmerten auf andere Gedanken bringt: das gilt von der strengen Rede des Ernstes, daß sie in Wahrheit und Ernst dem Bekümmerten anderes als die Sorge zu bedenken gibt.

„Niemand kann zwei Herren dienen." Und hier kann kein Zweifel bestehen, von welchen zweien da die Rede ist, deshalb wurde ja der Bekümmerte hinaus auf das Feld geführt, wo keine Rede vom Verhältnis zu den Menschen sein kann, bestehe es nun darin, daß einer als Knecht einem Herrscher diene oder als Jünger einem Weisen, es ist jedoch davon die Rede, ob man Gott oder der Welt dienen will. Die Natur dient nicht zwei Herren, hier ist kein zweifelndes Schwanken. Der arme Vogel des Himmels, die demütige Lilie des Feldes dient nicht zwei Herren. Wenn auch die Lilie Gott nicht dient, so dient sie doch nur zu Gottes Ehre; sie spinnt nicht, arbeitet nicht, sie will überhaupt nichts darstellen oder für sich allein haben, es gleichsam als Raub haben. Der Vogel dient nicht zwei Herren; wenn er auch nicht Gott dient, er ist doch nur zu Gottes Ehre da, singt ihm zum Preis, verlangt gar nicht, selbst etwas darzustellen. So ist alles in der Natur, das ist ihre Vollkommenheit, aber auch ihre Unvollkommenheit, und deshalb herrscht in ihr keine Freiheit.

 

……………………………

 

Eine Wahl; kannst du, mein Zuhörer, mit einem einzigen Worte etwas ausdrücken, das herrlicher wäre? Kannst du, ob du auch jahraus, jahrein redetest, etwas Herrlicheres nennen als eine Wahl, als die Wahl zu haben! Denn wohl ist es wahr, dass es eine Seligkeit ist, richtig zu wählen, die Wahl selbst aber ist doch die herrliche Voraussetzung. Was fängt das Mädchen mit den Beschreibungen der hervorragenden Tugenden ihres zukünftigen Geliebten an, wenn sie nicht selbst wählen darf; und umgekehrt, was kann sie Herrlicheres sagen, als wenn sie, mögen die anderen nun die vielen Tugenden ihres Geliebten preisen oder mögen sie seine vielen Fehler nennen, sagen kann: Er ist meines Herzens Wahl! Eine Wahl, das ist ein herrliches Kleinod, doch ist es nicht dazu da, vergraben und versteckt zu werden, denn eine Wahl, die man nicht vollzieht, ist schlimmer als das Nichts, ist eine Falle, in der sich der als Sklave selbst verfängt, der nicht frei wurde — weil er nicht wählte; es ist ein Gut, das du nie loswerden kannst, das bei dir bleibt und, wenn du es nicht benützt, als Fluch bei dir bleibt.

….

 

s. Kierkegaard

 

----------------------------------------------------

 

 Netz - Nietzsche - Wirklichkeit

 

Im Jahr 1873 schreibt Nietzsche: »Man darf [...] den Menschen wohl bewundern als ein gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt; freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden.«" - So stellt sich das Erkennen in ästhetischer Perspektive dar. Wie Künstler oder geniale Konstrukteure schaffen wir Orientierungsformen, die so beweglich und elastisch verfaßt sein müssen, wie die Wirklichkeit fließend und veränderlich ist. All unsere Orientierungsformen sind ästhetisch in dreifachem Sinn: Sie sind poietisch erzeugt, durch fiktionale Mittel strukturiert und ihrer ganzen Seinsweise nach von jener schwebenden und fragilen Art, die man traditionell nur ästhetischen Phänomenen attestiert und nur bei ihnen für möglich gehalten hat.

 

……………..

 

Hatte man früher gemeint, Ästhetik habe es erst mit sekundären, nachträglichen Realitäten zu tun, so erkennen wir heute, daß das Ästhetische schon zur Grundschicht von Erkenntnis und Wirklichkeit gehört. Traditionelles Wirklichkeitswissen wollte objektivistisch bzw. fundamentalistisch sein, während man sich an ästhetischen Phänomenen Gesetzlichkeiten genuiner Erzeugung klarmachte. Unter der Hand hat man dabei jedoch zugleich Kategorien für das Verstehen von Wirklichkeitserzeugung überhaupt entwickelt. Seitdem uns deutlich geworden ist, daß nicht nur die Kunst, sondern auch andere Formen unseres Tuns, bis hin zum Erkennen, Erzeugungscharakter aufweisen, sind diese ästhetischen Kategorien - Kategorien wie Schein, Beweglichkeit, Mannigfaltigkeit, Bodenlosigkeit oder Schweben - zu Grundkategorien der Wirklichkeit geworden.

 

………………………………

 

Worauf es gegenwärtig ankäme, ist nicht eine Hyperästhetisierung der Kultur, sondern - eher gegenläufig dazu – die Entwicklung einer Kultur des blinden Flecks. Was ist damit gemeint? Reflektierte Ästhetik mahnt immer, sich des Doppelverhältnisses von Beachtung und Ausschluß bewußt zu sein. Etwas zu sehen heißt stets, etwas anderes zu übersehen. Es gibt kein Sehen ohne blinden Fleck. Entwickelte Sensibilität ist darauf aufmerksam und zieht die Konsequenzen daraus.

 

Aus: Wolfgang Welsch : Grenzgänge der Ästhetik      Reclam  S 47ff

 

----------------------------------------------------------------------

 

Ich mußte aber nun weiterdenken: Wie kann ich aus diesem Erzählen auch eine finanzielle Unterstützung werden lassen? Ich bin ja keine Gemeinde, ich bin keine Institution, kein Krankenhaus, für das man eine Spende hätte geben können. Da kam mir die Idee, ein traditionelles arabisches Essen zu kochen und dafür Geld zu nehmen: Das ist dann ein Geben und Nehmen, wobei ich mich wohl fühlen würde. So stand mein Entschluß fest. In der Tat kamen dann Gruppen zu mir, denen es gefallen hat, was ich erzählte, und denen auch mein Essen schmeckte.

Manchmal hatte ich Schwierigkeiten mit den israelischen Reiseleitern. Es waren vor allem zwei Probleme. Zum einen: Wenn die Gruppen mein Plakat in Jerusalem lasen, war es oft zu spät, denn sie hatten bereits ein volles Programm. Zum ändern war es der israelische Guide, der ihnen Angst zu machen versuchte: Es sei gefährlich, in die Westbank zu fahren, wer weiß, was wir für Menschen seien, und so weiter. Es lag natürlich auch nicht unbedingt in seinem Interesse, daß eine deutsche Reisegruppe Palästinenser näher kennenlernt. Doch wenn die Gruppen dann da waren, gab es häufig aufschlußreiche Gespräche. Einmal sagte ich z.B., daß auch für uns Jerusalem eine wichtige Stadt sei, gleichermaßen für Juden, für Christen und auch für Muslime. Da fragte der israelische Guide: „Warum denn für Muslime?", worauf ich erwiderte: „Ja, das ist auch eine heilige Stadt für Muslime, sie haben dort die El Aksa-Moschee, sie haben den Felsendom." Er sagte darauf: „Mohammed hat aber nie das Heilige Land betreten", und ich entgegnete: „Er ist doch in der Nacht mit dem Pferd von Mekka nach Jerusalem geritten", und auf einmal sagte der Guide: „Was, wegen eines Traumes von Mohammed, wegen eines Hirngespinstes, sollen wir Jerusalem den Muslimen überlassen?" Da sagte ich zu ihm: „Aber das ist der Glaube", womit ich hoffte, die Ehre der Muslime wiederherzustellen, und fügte hinzu: „Wenn wir zu Andersgläubigen sagen: 'Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch', dann sagen sie auch: 'Gott ist Gott, und niemals ist Gott Mensch'. Die Menschen mit einem anderen Glauben können das nicht verstehen. Für sie klingt das nur seltsam. Oder wenn wir sagen: 'Jesus ist auferstanden', so halten sie dagegen: 'Wer tot ist, kann niemals auferstehen.' Bestimmt belächeln andere Religionen auch die unsrige." Ich bemerkte, wie die Gruppe stiller wurde und anfing, darüber nachzudenken, daß vielleicht auch unser Glaube auf andere Menschen anders wirkt. Und so sagte ich zu dem Guide: „Auch in deiner Religion gibt es gewiß Dinge, die wir belächeln könnten, aber haben wir das Recht dazu?" Ich dachte dabei an alle Gebote, die man etwa am Schabbat halten muß. Ich sagte: „Man muß jede Religion respektieren." Daraufhin gab er Ruhe.

 

Wir können also nur hoffen, daß wir lernen, einander zu respektieren, wenn wir mehr voneinander erfahren und mehr voneinander wissen. Ich hoffe auch, daß es für uns eine Zukunft geben wird, denn nur, wenn wir Hand in Hand, beide Völker gemeinsam, der Zukunft entgegengehen, wird es für beide ein Überleben geben. Sonst werden wir beide untergehen.

 

S 103f

Aus: Leben zwischen Grenzen von Faten Mukarker  Eine christliche Palästinenserin berichtet

Hans Thoma Verlag  6.Aufl 2002

 

 -------------------------------------

 

Herbst                                    R.M.Rilke

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren

Und auf den Fluren lass die Winde los.

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Und wird in den Alleen hin und her

Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein

Schenk ihnen zwei, drei südlichere Tage

Bring zur Vollendung sie und jage

Die letzten Tropfen in den schweren Wein.

 

------------------------------------------------------

 

Ohne soziale Gerechtigkeit,

ohne Recht kein Frieden.

Der Maßstab ist nach Aussage

der Prophetinnen und Propheten

das Recht der Rechtlosen,

etwa der Witwen und Waisen,

die keinen männlichen Fürsprecher haben.

Die unterste Klasse wird zum Maßstab

des Wohlergehens aller gemacht.

Die am meisten entrechtet sind,

am wenigsten zu sagen haben,

die nicht nur kein Geld haben,

sondern auch keine FürsprecherInnen,

keine Beziehungen,

die nicht einmal mit den Behörden umgehen können,

weil sie nicht wissen,

worauf sie Anspruch haben -

sie sind der Maßstab,

an dem gemessen wird,

was eigentlich Gerechtigkeit ist.

Die Ausgegrenzten, die RandsiedlerInnen,

die an der untersten Sprosse

der Leiter einer Gesellschaft stehen,

werden "erhöht", die Hohen "erniedrigt",

damit eine "ebene Bahn für Gott" entsteht (Jesaja 40,3).

Außenpolitik und Innenpolitik

werden hier nicht getrennt,

als ob man sich außenpolitisch

unterwerfend, imperialistisch,

aufrüstend verhalten und

zugleich innenpolitisch

Ruhe und Ordnung erhalten könne!

 

(Dorothee Sölle, aus: Frieden stiften jeden Tag)

 

 ------------------------

  

Ich werde mich also nicht

            am Kampfe derer beteiligen,

            die ihre Privilegien behaupten wollen,

            sondern am Kampfe derer,

            die diese Privilegien zu Gunsten

            der bisher Benachteiligten

            abbauen wollen.

            Das Evangelium weist mich an,

            die Gesellschaft von ihrem

            untersten Ort her,

            von daher,

            wo die Benachteiligten aller Art stehen,

            zu sehen und deshalb zu verändern.

 

                                   (Helmut Gollwitzer)

  

--------------------------------------------------------------------

  

AN DIE SONNE

 

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Äug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wieder seh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein. . .

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwärm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung
            von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck
            meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig
            und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für
            mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

 

Ingebog Bachmann

 

 

-----------------------------------------------

 

Friede erwächst aus Liebe und Mitgefühl*

Dalai Lama

 

Wir sind getrieben von Erwartungen und Befürchtungen. Es gibt so vieles in unserem Leben, das wir uns wünschen und worauf wir uns freuen. Gleichzeitig aber fürchten wir, dass es uns doch nicht zuteil oder vorenthalten wird, dass unerwartete Schwierigkeiten auftreten. Dieses ständige Wechselspiel von Erwartungen und Hoffnungen auf der einen Seite und Angst und Furcht auf der anderen Seite produziert in uns eine fortwährende Unruhe und Unausgeglichenheit des Geistes. Wie können wir diesen dauernden Streit beilegen? Der wichtigste Weg hierhin ist der Weg des menschlichen Mitgefühls. Mitgefühl verändert uns wirklich, denn es erlaubt uns, auf der wichtigsten Ebene unseres Daseins zu echter innerer Ausgeglichenheit zu kommen. Wir können uns das leicht -klarmachen: Es gehört zur Grundbeschaffenheit des Menschen als eines „sozialen Wesens", dass er in Gemeinschaft mit anderen Menschen lebt. Darunter sind nun einige, die wir „Freunde" nennen. An sie richten wir oft hohe Erwartungen und sind enttäuscht oder verärgert, wenn sie diese Erwartungen nicht erfüllen. Und da sind andere Menschen, die wir „Feinde" oder „Widersacher" nennen, weil sie uns fortwährend Probleme schaffen. Auf sie blicken wir ständig mit Argwohn und Eifersucht. Sie sind ein ständiger Unruheherd für unseren Geist. Bei Freunden und Feinden gleichermaßen sind es unsere Bilder und Meinungen, die wir von ihnen haben. Wenn wir diesen Menschen aber mit einer Einstellung des Mitgefühls begegnen, dann lassen wir uns auf sie ein. Dann ist es. als ob wir in unserem Herzen eine Tür zu unserem Inneren öffnen, die es uns erlaubt, wirklich mit diesen Menschen in Kontakt zu treten, sogar mit den Tieren. Wo uns dies gelingt, wird unser Argwohn erlöschen, und unsere Unsicherheit wird zurückgehen. Wir werden ausgeglichener und sind weniger unruhig.
 Warum aber gelingt es uns so selten, diese innere Tür in unserem Herzen zu öffnen*? Der Grund dafür liegt darin, dass wir zumeist um uns selbst kreisen und von egozentrischen Motiven getrieben werden. Die Fixierung auf das eigene Ich verschließt die innere Tür unseres Herzens. In der Folge verlieren wir die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Wo wir diese Fähigkeit verlieren, wächst in uns die Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung. Frustration und Einsamkeit machen sich breit. Deswegen ist das Mitgefühl der Schlüssel für ein angstfreies Miteinander. Aus meiner eigenen bescheidenen Erfahrung weiß ich, dass es in einem Konflikt immer sinnvoll ist. den anderen anzublicken und sich zu sagen: „Sieh an, er ist wie du - ein menschliches Wesen, das nach Glück strebt, das seinem Leiden entgehen will, kurz: ein Mensch wie du selbst!" Wenn wir dies aus einem echten Mitgefühl wirklich sagen können, dann ist es eine große Hilfe, um die inneren Barrieren zu überwinden, die Tür des Herzens zu öffnen und der Unruhe und Unzufriedenheit unseres Geistes zu begegnen. Außerdem gibt es innere Kraft und Selbstvertrauen. Und wo innere Kraft und Selbstvertrauen herrschen, da verschwinden Misstrauen, Furcht und Zweifel.
Mitgefühl bedeutet ein waches Bewusstsein für die Bedürfnisse der anderen. Mitgefühl bedeutet eine größere Aufmerksamkeit für die Glücksuche der anderen. Mitgefühl bedeutet Achtsamkeit für das Leiden anderer und Bereitschaft, ihnen zu helfen, das Leiden zu überwinden. Mitgefühl ist das Wissen um die Verbundenheit mit den ändern. Dieses Bewusstsein, diese Aufmerksamkeit, diese Achtsamkeit, djeser Sinn für den anderen, diese Nähe zum anderen - diese mitfühlende Einstellung ist etwas wirklich Kostbares. Denn sie verleiht uns tatsächlich jenen inneren Frieden, nach dem wir uns sehnen. Und nicht nur das: Es fördert auch unsere Gesundheit. Denn der innere Frieden wirkt sich auf unser körperliches Befinden aus. Das innere Gleichgewicht stabilisiert auch unsere körperlichen und organischen Funktionen; es verbessert das Immunsystem.

 

* Auszug aus dem gleichnamigen Vortrag, gehalten 2003 auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin.

 

-----------------------------------------------------------------------------------

 

kundig

 

Rudern zwei

ein boot,

der eine

kundig der sterne,

der andre

kundig der stürme,

wird der andre

führen durch die sterne,

wird der andre

führen durch die stürme,

und am ende, ganz am ende

wird das meer in der erinnerung

blau sein

 

Reiner Kunze

Fußzeile Hans Reichenzer BC