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Seite 1

 

In mir ist es finster,

aber bei dir ist das Licht;

ich bin einsam,

aber du verlässt mich nicht;

ich bin kleinmütig,

aber bei dir ist die Hilfe;

ich bin unruhig,

aber bei dir ist der Friede;

in mir ist die Bitterkeit,

aber bei dir ist die Geduld;

ich verstehe deine Wege nicht,

aber du weist den Weg für mich.

           Dietrich Bonhoeffer

 

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Gott lass meine Gedanken sich sammeln zu dir.

Bei dir ist das Licht, Du verlässt mich nicht.

Bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld.

Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weist den Weg für mich.

      Lied aus Taize nach Dietrich Bonhoeffer

 

 

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Ich staune über deine Hoffnung

 

 

Ich staune über deine Hoffnung

die du sogar

in der hoffnungslosen Situation

nicht loslässt.

 

Du lässt dich nicht

von der Wirklichkeit verführen,

klein zu denken.

 

Du bleibst frei

zu entscheiden,

wie du auf das Dunkel der Welt

reagieren wirst.

 

Diese Hoffnung

ist deine ungeheure Kraft.

Durch sie verwandelst du die Welt.

Mein Staunen darüber

ist der Anfang, auch so zu leben.

 

            (Ulrich Schaffer)

 

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Ich habe mich entschlossen,

            für meine Überzeugung zu kämpfen.

            Man sollte im Leben an etwas glauben können,

            so leidenschaftlich glauben können,

            dass man ein Leben lang für diese

            Überzeugung eintreten kann.

            Mit ist es unmöglich zu glauben,

            dass Gott möchte, dass ich jemanden hasse.

            Ich bin der Gewalt müde.

            Und ich bin nicht bereit,

            meinen Unterdrücker bestimmen zu lassen,

            welche Methode ich anwenden solle.

            Wir haben eine Macht,

            die man zwar nicht in Molotowcocktails findet,

            aber wir haben eine Macht.

            Nicht die Macht von Geschossen und Gewehren,

            aber wir haben eine Macht.

            Es ist eine Macht,

            so alt wie die Erkenntnis des Jesus von Nazaret

            und so modern wie die Methoden

            des Mahatma Gandhi.

 

                                   (Martin Luther King)

 

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Aus : http://www.jcrelations.net/de/?item=859

 

Nächstenliebe - Fremde

 

Das Wesen des Judentums

2. Auflage, Frankfurt 1922, 204 f.; 4. Auflage, Frankfurt 1926, 210 f.

Der »Mitmensch« gehört im Judentum unlösbar zum »Menschen«. [...] Ich und der andere werden hier zu einer religiösen und sittlichen Einheit. Es gibt im Grunde keinen anderen. Es gibt hier keinen »Menschen« ohne den »Mitmenschen«. Keinen Glauben an Gott ohne den Glauben an ihn wie an mich. Als den großen Grundsatz der Thora hat daher einer der Meister aus dem Geschlechte nach der Zerstörung des Tempels, Ben Asai, den Satz bezeichnet, der von der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen spricht. »Ben Asai sagte: 'Dies ist die Geschichte des Menschen: als Gott den Menschen schuf, machte er ihn in seinem Ebenbilde' — der Satz trägt die ganze Thora.«

Die Anerkennung, die wir dem andern schulden, ist demnach unbedingt und unbeschränkt; denn sie beruht ausschließlich darauf, dass er ein Mensch und darum ein Mitmensch ist, Wesen von meinem Wesen, Würde von meiner Würde. Das Wort aus dem dritten Buche Mosis, welches Akiba den bestimmenden Satz der Bibel genannt hat, das gemeinhin übersetzt wird: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, bedeutet in der ganzen Treue des Sinnes: »Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.« In diesem »wie du« liegt der ganze Gehalt des Satzes. Der Begriff Mitmensch ist darin gegeben: Er ist wie du, er ist im Eigentlichen dir gleich, du und er sind als Menschen eins. Und dieses Wort ist hier nicht bloß Philosophie und nicht nur schwärmerische Sentimentalität, sondern unbedingtes Gebot, das Wort der deutlichen Forderung, dass wir in dem anderen den, der wie wir ist, ehren sollen. Nicht weil er vielleicht dieses oder jenes leistet und gilt, sollen wir ihn achten, sondern weil er Mensch ist. Sein Wert besteht in eben dem, was unseren Wert ausmacht; sein Wert ist in der Tiefe gegründet und zum Ziele emporgewiesen, ist unendlich, wie der unsere.

Wir können vor uns Ehrfurcht haben, nur wenn wir vor ihm auch Ehrfurcht hegen, Gott hat ihn wie uns gemacht. So hat es der Prophet hergeleitet: »Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen! Wie dürfen wir treulos sein einer gegen den anderen, den Bund unserer Väter zu entweihen!« In ein kurzes Wort hat einer der alten Weisen des Talmud, Ben Soma, es gefasst: »Ehre ist, die Menschen ehren.« Ähnlich hat auch sein Zeitgenosse, jener Ben Asai, es gesagt, um das »wie du« der Nächstenliebe zu seiner Höhe emporzuführen: »Sprich nicht: Weil ich gering bin, soll auch mein Nächster gering wie ich sein; weil ich verachtet bin, soll mein Nächster gleich mirverachtetsein.« Und einer der Lehrer nach ihm, Rabbi Tanchuma, fügte dem erläuternd zu: »Wenn du so tätest, wisse, wen du verachten würdest: ihn, den Gott in seinem Ebenbilde geschaffen hat.«

 

Franz Rosenzweig

Der Stern der Erlösung, 2. Auflage 1930 = 1954, II, 196

Die Liebestat des Menschen ist ja nur scheinbar Tat. Es ist ihm von Gott nicht gesagt, seinem Nächsten zu tun, was er sich selbst getan haben möchte. Diese praktische Form des Gebots der Nächstenliebe zum Gebrauch als Regel des Handelns bezeichnet in Wahrheit nur die untere negative Grenze, die es im Handeln zu überschreiten verbietet, und wird deshalb auch besser schon äußerlich in negativer Form auszusprechen sein. Sondern der Mensch soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Wie sich selbst. Dein Nächster ist »wie du«. Der Mensch soll sich nicht verleugnen. Sein Selbst wird eben hier im Gebot der Nächstenliebe erst endgültig an seiner Stätte bestätigt. Die Welt wird ihm nicht als ein unendliches Gemeng vor die Augen gerückt, und mit dem hinweisenden Finger auf dies ganze Gemenge ihm gesagt: das bist du. Das bist du — höre also auf, dich davon zu unterscheiden, gehe in es ein, in ihm auf, verliere dich daran. Nein, sondern ganz anders: aus dem unendlichen Chaos der Welt wird ihm ein Nächstes, sein Nächster, vor die Seele gestellt, und von diesem und zu-nächst nur von diesem ihm gesagt: er ist wie du. »Wie du« also nicht »Du«. Du bleibst Du und sollst es bleiben. Aber er soll dir nicht ein Er bleiben und also für dein Du bloß ein Es, sondern er ist wie Du, wie dein Du, ein Du wie Du, ein Ich...

 Ebd. III, 18

 Liebe deinen Andern, er ist kein Andrer, kein Er, sonder ein Ich wie Du, »er ist wie du«

 

Martin Buber

Vorwort zu Hermann Cohen: Der Nächste, Berlin 1935, 6—7

»Sei hebend zu deinem Genossen als zu einem der wie du ist«, heißt es in der Schrift, und kurz danach, wie um durch die besondere Hervorhebung in alle Zeit jeden etwa möglichen Mißverstand auszuschalten: »Sei hebend zum Gastsassen als zu einem der wie du ist«. Rea, Genosse, ist der Mensch, mit dem ich gerade zu tun habe, der mir eben jetzt begegnende Mensch, der Mensch also, der mich in diesem Augenblick »angeht«, gleichviel ob er mir volkeigen oder volksfremd ist. Ich soll, buchstäblich übersetzt, »ihn lieben«: mich ihm hebend zuwenden, ihm Liebe erzeigen, Liebe antun; und zwar als einem, der »wie ich« ist: liebesbedürftig wie ich, der Liebestat eines Rea bedürftig wie ich — wie ich es eben von meiner eignen Seele her weiß. Daß es so zu verstehen ist, ergibt sich aus den auf den zweiten Satz folgenden Worten: »Denn Gastsassen seid ihr im Land Ägypten gewesen« — oder, wie es anderswo noch deutlicher heißt: »Ihr kennt ja die Seele des Gastsassen, denn Gastsassen seid ihr im Land Ägypten gewesen«. Ihr kennt diese Seele und ihre Not, ihr wißt, wessen sie bedarf, und darum, ihr, denen es einst verweigert worden ist, verweigert es nun nicht!

Wagen wir es, von da aus die Begründung des ersten Satzes in Worte zu fassen. Sei hebend zu deinem Mitmenschen als zu einem der wie du ist — ihr kennt ja die Seele des Menschen, dem es nottut, daß man hebend zu ihm sei, denn Menschen seid ihr und leidet selber die Menschennot.

So ist eine Botschaft des »alten Testaments« zu lesen.

 

Martin Buber, Briefwechsel aus sieben Jahrzehnten II:

1918—1939, Heidelberg 1973, 632

Brief vom 27. 1. 1937 an Hans Kosmala

Das vierte Wort des ersten Satzes [von 3. Mose 19,18] ist keineswegs zu verstehen: »Wie dich selbst«, sondern »dir gleich«, »als dir gleich«. Das, woran hier gerührt wird, ist die Ebenbildlichkeit, aber auch jene Grundtatsache der menschlichen Empfindung, auf die immer wieder Bezug genommen wird, wo in den Geboten, die die Behandlung des Ger (Gastsasse) und des Knechts betreffen, gesagt wird: »Ihr kennt seine Seele, denn ihr seid es selber einmal gewesen.«

 

Emmanuel Levinas

Wenn Gott ins Denken fällt. Diskurse über die Betroffenheit von Transzendenz, Freiburg/München 1985 = 1999, 115

Was den Bibeltext(3. Mose 19,18) betrifft, [...] so sehe ich mich in erheblich größerer Verlegenheit als die Übersetzer [die den Vers mit »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« wiedergeben]. Was bedeutet »wie dich selbst«? Buber und Rosenzweig kamen hier mit der Übersetzung in größte Schwierigkeiten. Sie haben sich gesagt: »wie dich selbst«, bedeutet das nicht, daß man am meisten sich selbst liebt? Abweichend von der [...] [verbreiteten] Übersetzung, haben sie übersetzt: »Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.« Doch wenn man schon dafür ist, das letzte Wort des hebräischen Verses, kamocka, vom Beginn des Verses zu trennen, dann kann man das Ganze auch noch anders lesen: »Liebe deinen Nächsten, dieses Werk ist wie du selbst«; liebe deinen Nächsten, das bist du selbst; »diese Liebe des Nächsten ist es, die du selbst bist«. [...] [Ob] dies eine äußerst gewagte Lesart darstellt? Aber das Alte Testament verträgt mehrere Lesarten, und erst wenn das Ganze der Bibel zum Kontext des Verses wird, klingt der Vers in seinem vollen Sinn.

Quelle: "...denn er ist wie du", Themenheft 2001, hrsg. v. Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit (DKR), Bad Nauheim.

 

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Die Welt besteht aus lauter Gelegenheiten zur Liebe.

Sören Kierkegaard

 

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Der dritte weg

 

Wir sehen immer nur zwei Wege

sich ducken oder zurückschlagen

sich kleinkriegen lassen oder

ganz groß herauskommen

getreten werden oder treten

 

Jesus du bist einen anderen weg gegangen

du hast gekämpft aber nicht mit waffen

du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt

du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt

 

Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten

selber ohne luft sein oder andern die kehle zuhalten

angst haben oder angst machen

geschlagen werden oder schlagen

 

Du hast eine andere möglichkeit versucht

und deine Freunde haben sie weiterentwickelt

sie haben sich einsperren lassen

sie haben gehungert

sie haben spielräume des handelns vergrößert

 

Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn

wir übernehmen die methoden dieser welt

verachtet werden und dann verachten

die andern und schließlich uns selber

 

Laßt uns die neuen wege suchen

wir brauchen mehr phantasie als ein rüstungsspezialist

und mehr gerissenheit als ein waffenhändler

und laßt uns die überraschung benutzen

und die scham die in den menschen versteckt ist

 

(Dorothee Sölle)

 

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Geliebt werden heißt:

Hilfe erhalten, Gott zu lieben.

     ( Sören Kierkegaard)

 

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Hunger nach Sinn

 

Ich werde manchmal gefragt,

warum ich denn "immer noch" für Gerechtigkeit,

Friede und die gute Schöpfung eintrete.

"Immer noch?" frage ich zurück,

wir fangen doch gerade erst an,

aus der Verbundenheit mit dem Leben heraus,

zu kämpfen, zu lachen, zu weinen.

Wir können uns doch nicht auf das geistige Niveau

des Kapitalismus zurückschrauben

und ständig "Sinn" mit "Erfolg" verwechseln.

 

Das ist eine lebensgefährliche Verwechslung,

wenn wir das Leben zurückrechtstutzen

auf das Machbare und das,

was sich konsumieren lässt.

Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen!

Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln

und die Verbundenheit mit allem, was lebt,

die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben

und nicht später, sondern jetzt und hier.

Bei uns, in uns.

 

            (Dorothee Sölle)

 

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Wenn ich das Meer überqueren will,

kann ich das mit einem Schiff tun.

Würde ich aber einen Karren

oder eine Kutsche benutzen,

verschwänden wir auf dem Meeresgrund. (...)

das Mittel ist wie der Same,

und das Ergebnis ist der Baum.

so wie es eine unzerstörbare Verbindung

zwischen dem Mittel und dem Ziel gibt,

so besteht auch die Verbindung

zwischen dem Samen und dem Baum.

Ich möchte Ihnen damit zeigen,

daß gerechte Mittel zu gerechten Resultaten führen.

In den meisten Fällen,

wahrscheinlich nicht in allen,

ist die Macht der Liebe unendlich

größer als die Waffengewalt.

In der Ausübung brutaler Gewalt

ist großer Schmerz verborgen, nie im Mitleid.

(M.K.Gandhi)

 

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Die Kunst des Romans  von Kundera Milan

Hanser Verlag

 

Der Mensch wünscht sich eine Welt, in der Gut und Böse eindeutig zu unterscheiden sind, da er den angeborenen, unbezähmbaren Wunsch in sich hat, zu urteilen, bevor er versteht. Auf diesen Wunsch sind Religionen und Ideologien gegründet. Sie können sich mit dem Roman nur aussöhnen, wenn sie seine von Relativität und Ambiguität geprägte Sprache in ihren apodiktischen, dogmatischen Diskurs übersetzen. Sie verlangen, daß einer recht hat; entweder ist Anna Karenina Opfer eines bornierten Despoten, oder Karenin ist Opfer einer unmoralischen Frau; entweder wird der unschuldige K. von dem ungerechten Gericht vernichtet, oder hinter dem Gericht verbirgt sich die göttliche Gerechtigkeit, und K. ist schuldig. Dieses »Entweder-Oder« zeugt von der Unfähigkeit, die essentielle Relativität der menschlichen Dinge zu ertragen, von der Unfähigkeit, das Fehlen des Höchsten Richters auszuhalten. Auf Grund dieser Unfähigkeit ist es schwierig, die Weisheit des Romans (die Weisheit der Ungewißheit) zu akzeptieren und zu verstehen.

16

Der hypnotische Blick der Macht, die verzweifelte Suche nach der eigenen Schuld, das Ausgeschlossensein und die Angst, ausgeschlossen zu werden, die Verurteilung zum Konformismus, das Gespenstische des Realen und die magische Realität der Akte, die ständige Verletzung der Privatsphäre etc., all diese Experimente, die die Geschichte in ihren riesigen Reagenzgläsern mit dem Menschen durchgeführt hat, hatte Kafka (einige Jahre zuvor) in seinen Romanen durchgeführt. Das Zusammentreffen der realen Welt totalitärer Staaten und des »Gedichts« von Kafka wird immer etwas Geheimnisvolles behalten und beweisen, daß das Tun des Dichters seinem Wesen nach unkalkulierbar ist; und paradox: Die ungeheure gesellschaftliche, politische, »prophetische« Tragweite von Kafkas Romanen liegt gerade in ihrem »Nicht-Engagement«, das heißt in ihrer vollständigen Autonomie gegenüber allen politischen Programmen, ideologischen Konzepten, futurologischen Prognosen.

 

Wenn sich der Dichter, statt »das Gedicht« zu suchen, das »irgendwo dahinter« verborgen ist, nämlich »engagiert«, einer im voraus bekannten Wahrheit zu dienen (die sich selbst anbietet, die »davor« ist), gibt er damit die der Poesie eigene Mission auf. Und es spielt dabei kaum eine Rolle, ob sich die vorgefaßte Wahrheit Revolution oder Dissidenz, christlicher Glaube oder Atheismus nennt, ob sie mehr oder weniger richtig ist; der Dichter, der sich in den Dienst einer anderen Wahrheit stellt als der, die zu entdecken ist (die Blendung ist), ist ein falscher Dichter.

Wenn ich so leidenschaftlich am Erbe Kafkas festhalte, wenn ich es verteidige wie mein eigenes Erbe, so nicht, weil ich es für gut halte, Unnachahmliches nachzuahmen (und das Kafkaeske noch einmal zu entdecken), sondern wegen dieses großartigen Beispiels radikaler Autonomie des Romans (der Dichtung, die der Roman ist). Mit ihr hat Franz Kafka über unsere conditio humana (wie sie sich in unserem Jahrhundert zeigt) gesagt, was uns keine soziologische oder politologische Betrachtung wird sagen können.

 

149 - 150

 

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Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Psalm 51,12

 

Lehrtext:

Es ist gut, dass das Herz durch Gnade gefestigt wird.
Hebräer 13,9

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TAIZE 2008 – Handout-

 

Workshop Thema:

Leere Worte, bedeutungsvolle Worte ... Nachdenken darüber, was wir im Alltag hören und sagen, und wie wir miteinander reden

 

1.

Ein Wort ist tot, wenn es gesagt ist,

Sagen einige -

Ich sage, gerade dann beginnt es

zu leben

 

   Emily Dickenson

 

2.

Das Land der Nebel

 

Im Land der Nebel,

immer eingehüllt in Nebel,

passiert nie etwas.

Und wenn etwas passiert

kann man nichts sehen

wegen des Nebels.

Denn wenn du im Nebel lebst,

gewöhnst du dich an den Nebel

und du versuchst nicht, zu sehen.

Denn im Land der Nebel

solltest du nicht versuchen zu sehen.

Du musst Dinge hören.

Denn wenn du nicht hörst, kannst du nicht leben,

deshalb werden Ohren immer größer.

Menschen wie Hasen

mit Ohren aus weißem Nebel

leben im Land des Nebels.

 

   Kim Kwang-Kyu

 

 

3.

Im Anfang war das Wort,

und das Wort war bei Gott

und Gott war das Wort.

Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts

gemacht,

was gemacht ist.

In ihm war das Leben,

und das Leben war das Licht der Menschen.

 

Das Evangelium nach Johannes 1:1-4

 

4.

Die ersten Worte

 

Die ersten Worte wurden verschmutzt

wie Flusswasser am Morgen

und fließen mit dem Schmutz

der Klappentexte und Titelseiten.

Mein einziger Trank ist Bedeutung aus der Gehirntiefe

Was die Vögel und das Gras und die Steine trinken.

Alles fließe

hoch zu den vier Elementen

hoch zu Wasser und Erde und Feuer und Luft.

 

Seamus Heaney (nach dem Rumänischen von Maria Sorescu)

 

 

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Aus: Grenzüberschreitungen von Wilfried Reifarth

 

Worte sind Gefäße, die wir mit Erlebnissen füllen, doch diese Quellen über das Gefäß hinaus. Worte weisen auf Erleben hin, sie sind nicht mit diesem identisch“ (Erich Fromm) S 304

 

Lösungen?

Wie sagte einst schon Lichtenberg: „Das ist eine Arbeit, wobei sich, glaube ich, die Geduld selbst die Haare ausrisse“. Dennoch: Wir sehen keine Alternative zur Geduld. notfalls mit Glatze. S 338

 

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Schlußstein

Die Grundspannung Werner Bergengruens steigt auf zwischen zwei archetypischen Polen, die schwer zu balancieren sind – nicht nur für ihn, sondern von Grund auf: zwischen dem Zauber der Welt und ihrem göttlichen Überwinder. Es ist in der heutigen »Weltfrömmigkeit«, die auf ihre Weise die grüngewandete neualte Göttin Natur anzubeten drängt, entscheidend, die Balance auch auf den zweiten Pol zu richten, der mehr ist als Natur, nämlich auf ihren Urheber, Bändiger, der die bloße Natur löst. Der große Zeitgenosse Bergengruens, Teilhard de Chardin (1881-1955), auch von Ida Friederike Görres verehrt, widmet sein großes nachgelassenes Werk Le Milieu Divin (1957) »jenen, die die Welt lieben«. Das kann Teilhard mit solchem Freimut tun, weil er die beiden Pole benennt, selbst zwischen beiden eine lebenslange Balance versucht und bestanden hat. »Gott will nur unsere Seele, wiederholen die Meister des geistlichen Lebens immer wieder. Um den Worten ihr wahres Gewicht zu lassen, dürfen wir aber nicht vergessen, daß die Menschenseele, mag sie auch, nach Ansicht unserer Philosophen, getrennt erschaffen sein, in Geburt und Reifung vom Weltall untrennbar ist, in dem sie geboren wurde. In jeder Seele liebt und rettet Gott teilweise die ganze Welt, die diese Seele auf besondere und unveräußerliche Art zusammenfaßt.«32 »Unwiderstehlich liebe ich, was Deine fortwährende Mithilfe mir täglich zur Wirklichkeit hinzuzufügen erlaubt. Diesen Gedanken, dieses greifbare Kunstwerk, diese Harmonie von Tönen, diesen ganz bestimmten Ausdruck der Zuneigung, den köstlichen Anflug eines Lächelns oder eines Blickes, alle diese neuen Schönheiten, die in mir und um mich erstmals auf dem menschlichen Antlitz der Erde erscheinen, ich liebe sie wie Kinder, von denen ich einfach nicht glauben kann, daß sie in ihrem Fleisch vollständig sterben werden. Wenn ich glaubte, die Dinge würden für immer verwelken, hätte ich ihnen denn jemals das Leben gegeben?«33

Bergengruen hat Leben gegeben, nicht das einfache, sondern das umkämpfte, errungene. Deswegen noch einmal, mit der Genauigkeit des Kostbaren:

»Alle Dinge fügte ich/an den rechten Platz/selbst den bernsteinfarbnen Strich/in das Äug der Katz.«

 

Aus: Hanna Barbara Gerl-Falkovitz – Freundinnen-  S. 150

 

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…. Ebenso gehört hinzu eine Aufmerksamkeit auf die heutige Verkümmerung oder Überreizung der fünf Sinne, die in einem ganzheitlichen Leib fast schon trainiert gehören, da sie nur noch teilweise »gebraucht« werden. Phasengerecht ist auch die Triebwelt zu integrieren, darunter die Sexualität, da die Verselbständigung von Trieb in Sucht übergeht, damit in eine Unfreiheit gegenüber dem eigenen Körper. Wieder ist der Leib verfehlt, der ich bin, und der Körper entstanden, der in diesem Fall mich beherrscht. Schwer, aber um so notwendiger zu integrieren, ist die eigene und fremde Endlichkeit, die sich in Alter und Krankheit meldet und mit dem Tode einlöst. Solange man sich an das allseitige Diktat hält, immer »grün«, frisch, jung zu sein8, ist die Identität mit dem Leib gestört. Hieran wird deutlich, daß Integration auch eine Balance mit der eigenen Unvollkommenheit, z. B. der Häßlichkeit, dem Unvermögen, den »schlechten Seiten« bedeutet. Der »ganze Mensch« wird aber diese Balancen in dem Vorgang, den man Reifung nennt, lernen müssen und dadurch seine Identität nicht verlieren, im Gegenteil gewinnen. Identität kann hier weniger eine Autonomie bedeuten als vielmehr Hellsicht für die eigenen Vorgaben und damit für die eigenen Grenzen: »Durch die Seele werden wir hellsichtig für die unbewußte Vernunft und Leidenschaft des Leibes, durch den Leib werden wir über die natürlichen Notwendigkeiten der Seele belehrt«.9

Noch ist nicht vorgestellt, was mit dem Ausdruck Geist in der aufgegebenen Ganzwerdung konturiert ist. Die häufige und folgenschwere Verwechslung mit dem Intellekt oder einfach dem Bescheidwissen ist an erster Stelle zu nennen. Mit Geist kann nicht »Abitur« gemeint sein, weil das Rationale nur einen übrigens recht untergeordneten Vollzug des Geistigen bedeutet. Gemeint ist vielmehr, in alter philosophischer und theologischer Tradition, Geist im Sinne von Freiheit, Selbstand, Personalität. Geist ist nicht etwas Erlerntes, sondern Grundausstattung des Menschen, sein Recht auf Eigenheit und Unverwechselbarkeit. Rationalität ist nur ein Mittel, um den Bezug dieser innersten Freiheit nach außen in der Form einer Beherrschung und Berechnung des Gegenübers auszudrücken. Nicht weniger gehört aber auch das Mittel etwa der Liebe, der intensiven Wahrnehmung, sogar das »Erleiden« der Wirklichkeit, das für Platon vor ihrem Verändern kommt, zum Geistigen. Auch diese Gaben können geschult oder vernachlässigt werden; in der Anlage sind sie aber ebenso vorauszusetzen wie die Rationalität.

Von diesen Erkenntnissen gestützt wird deutlich, was Ganzwerden von Oben und Unten bedeutet: die Durchlässigkeit für alle geistigen und leiblichen Anlagen, den Nicht-Ausschluß oder die NichtVerdrängung von Gaben, sondern ihre wechselseitige Durchsichtigkeit (Transparenz), wodurch die in ihnen liegenden, zur Einseitigkeit oder Verselbständigung neigenden Strebungen »gerichtet« werden. Diese Überformung beschneidet das Ungute an der jeweiligen Anlage, läßt aber ihre Kraft um so dienlicher werden für das Ganze. So mag ein Mann das »Gefühl« in sich unterdrücken, vermeintlich zugunsten der Rationalität, wird aber damit im Grunde nicht einmal der Rationalität einen Dienst erweisen; ihre Kausalketten werden zwanghaft und damit gefährlich. So mag eine Frau auf ihre Intuition pochen, ohne Argumentationen zugänglich zu sein; ihre Intuition wird dann Eigensinn, statt Impuls zum Denken. Eine höchste Sammlung aller Kräfte ist gefordert, in der Zuversicht, daß sie damit nicht verschwimmen, sondern in reifer Differenzierung einer Mitte dienen.

Eine letzte Spannung, aus der sich Ganzheit nährt, ist noch aufmerksam wahrzunehmen. Überwinden von Einseitigkeit hat nämlich zu tun mit schöpferisch werden. Schöpferisches Leben und Denken richtet sich auf das Ganze, sofern nur die genannten Quellen nicht willkürlich abgeschnitten werden. Stattdessen arbeitet etwa das computerartige Denken notwendig funktional und sektoriert, ausgrenzend und selber begrenzt. Kriterium eines ganzen Denkens ist zunächst das Umgehen mit der Zeit: mit der uralten in uns vorfindlichen Zeit, mit dem Zulassen des Kommenden, mit der Bewahrung von beidem in der Gegenwart. Zum »Zulassen« der Zukunft gehört wesentlich das Aufgeben der von uns so geliebten Systematik der Zukunft aus eigener Kraft, und sei es auch die Zukunft der eigenen gewollten Entwicklung, jenes Reißbrett, das ich von mir selber entwerfe. Nicht sich selber machen, sondern sich ergänzen lassen, ist die Haltung des Schöpferischen. Wenn man sich selber und andere »im Griff« hat, ist die Bewegung verschwunden, welche eine erlösende »Pneumatik« oder Geistigkeit des Lebens wäre: sich selber als Gabe leben. Wir kennen heute in der Regel die Pneumatik des Schreckens, die das Geplante und Berechnete unvorhersehbar zerreißt; aber es gäbe auch eine Pneumatik der Freude, des Geschenkten nämlich, das leider kraft derselben Planung und Berechnung unmöglich wird.

Über das Verhältnis von Schöpfertum, zeitlicher Gegenwart und Ganzheit gibt es ein Gleichnis Jesu, das für die raum-zeitliche Welt im Grunde eine »unverschämte« Forderung aufstellt: das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum. »Unverschämt«, weil allem Denkablauf und aller Kausalität der Natur entgegen, ist die Forderung, bereits jetzt Früchte zu tragen, obwohl es noch nicht Herbst ist. Zur Anklage kommt damit die normale Halbheit, womit wir die Zeit aufteilen in Vergangenes und Zukünftiges, auf das hin wir beständig unterwegs sind, ohne es einzuholen - immer Frucht für später versprechend, immer uns vom Alten abstoßend, aber nie »angekommen«, immer unterwegs, immer berechtigt, nicht Frucht und nicht ganz zu sein. Und wenn schon Reife, dann erst, wenn sie erarbeitet ist, wenn Pläne und Bedingungen erfüllt sind, erarbeitet mit harter Mühe, ja mit jener Entsagung, die allem Nicht-Schöpferischen eignet. Dies bringt ein Selbstvergessen in der Arbeit als jenem Götzen, der einen birgt und trägt - während das wirklich schöpferische Dasein jetzt und heute ganz ist, nicht aus eigener Anstrengung, sondern weil es sich ergänzen läßt — aus einer Quelle, die man nicht selber dirigiert.

Es gibt in der jüdisch-chassidischen Überlieferung noch ein Bild für das Zerstörerische der nicht eingelassenen Zukunft: Die israelischen Frauen mußten beim Frondienst in Ägypten, bei dieser negativen Form von Arbeit also, selbst bei der Geburt auf dem Feld bleiben und das neu geborene Kind sogleich in den Lehm mit einstampfen, um daraus Ziegel für die Häuser zu formen. Wenn ein Kind für Zukunft steht, und zwar für die nicht vorbestimmte, sondern offene und geschenkte, dann ist diese Erzählung Ausdruck für die verschlossene Zukunft, in der kraft Planung nichts Neues kommen darf. Alles Schöpferische, und damit unsere Ganzheit, wird sofort getötet, weil im Plan nicht vorgesehen.

Ein anderes Gleichnis: von den zwei Paradiesesbäumen heißt der eine auf hebräisch »ezosipri« = Baum macht Frucht, der andere »ezpri« = Baum ist Frucht. Der erste ist der gefährliche, der sein Selbstverständnis im Machen hat und im Zerteilen der Zeit (und damit der Ganzheit) in die Abschnitte »jetzt noch nicht« und »dann später, wenn«. Der zweite ist der Baum des Lebens, in dem alle Zeit Gegenwart ist, der das Ganze durchscheinen läßt, an dem deswegen beständig Frucht anzutreffen ist.

Wie läßt sich also Ganzheit erreichen ? Sichtlich ist sie nicht nur aus den Beziehungen von innen nach außen, von innen nach innen (oder wie dieses Netz von Einbindungen in das Ganze sonst zu bezeichnen wäre). Es gibt noch eine andere Bestimmung, die sich merkwürdigerweise nur in Paradoxien aussagen läßt - weil sich in ihnen eben nicht Teile aussagen, sondern die durchlässige Ganzheit, die ein anderes Wort für das Schöpferische ist. Solche Paradoxien können lauten: Es gibt einen Reichtum in der Armut, ein Schweigen im Wort, die Ruhe in der Arbeit (nicht danach), den Trost in den Tränen selber (nicht daneben) - so die Gaben des Geistes in der Pfingstsequenz. In derselben erfahrbaren Weise gibt es das Schöpferisch-Sein in der Erschöpfung, das Ganze in allem Vorläufigen, den All-Tag im Tag. Philosophisch würde man es nennen: Es gibt das Unbedingte im Endlichen, seine Wahrheit erweist sich sogar nur da. Allgemeiner und verständlicher ausgedrückt : Es gibt das Ganze im schmerzhaften Annehmen der eigenen Halbheit. In dieser paradoxen Weise läßt sich etwas beschreiben, das neu eingelöst werden muß. Identität läßt sich nicht erarbeiten, vor allem nicht abschließen; fraglich ist sogar, ob sie geradewegs angezielt werden kann. Es scheint vielmehr, daß sie eine Erfahrung vor dem Hintergrund einer vielfachen Beschädigung bedeutet, ein »trotzdem«, das in allem Vorläufigen sich doch behauptet. Vielleicht könnte man formulieren, daß Identität zerstört wird, wenn man sie sucht, daß sie sich einstellt, wenn man Nicht-Identität erträgt.

Zu diesen Paradoxa gehört auch das oben genannte: daß das Geistige im Leiblichen seine Wahrheit findet, und daß Wirklichkeit nicht im Ausschließen, sondern im ungeahnten Ergänzen aller Anlagen richtig wird. »Wenn ihr nicht unten zu oben und links zu rechts und hinten zu vorne macht, so kommt ihr nicht in mein Reich«, lautet ein apokryphes Wort Jesu.10

Um das Wort von der Durchsichtigkeit oder Transparenz noch einmal aufzugreifen; es kommt heute nicht darauf an, auch das Unmeßbare noch zu messen, wie Galilei es gefordert hatte, sondern das Unmeßbare sein zu lassen, aber es durchsichtig zu sehen; so soll auch nicht das Dunkel hell werden, wie es der Wunsch der Neuzeit war, aber es soll als Dunkel durchsichtig werden. Alles auf die Seite Geschobene oder Um-Manipulierte, Nicht-Zugelassene und Nicht-Gelassene bedarf heute des Sein-Lassens, aber nicht in der Form des Dumpfen und Undurchschaubaren, sondern des Eingesehenen.

Nicht nur an der Frau, zeichenhaft aber an ihr, könnte sich heute das Schöpferische in diesem Sinn einlösen: Wirkenlassen in allem Wirkenkönnen, Dasein im Vertrauen auf Rechtsein, Haltung als Gehaltensein. Dies kann nicht in einem einfachen Monolog, auch nicht mit sich selbst, abgehandelt werden. Aus den gebrauchten Bildern und Reflektionen geht bereits hervor, daß Identität nur - unabsichtlich - eingeholt wird, wenn sie sich »verläßt«. Sich verlassen im Doppelsinn: sich aufgeben und vertrauen. Das ist möglich, wenn es einen Bezug gibt, der die genannten Bezüge selbst noch einmal ergänzt.

Als Bild bietet sich an die Spannung »von innen nach oben«: Die eigene Kontur zeichnet sich ab in der Spannung auf anderes, als ich selbst bin. Hier setzen werthafte und religiöse Erfahrungen ein, die bei aller Unterschiedlichkeit doch einen gemeinsam tragenden Boden aufweisen: daß Selbstgewinn mit Selbstüberstieg zu tun hat.

Auch das Wort vom Selbstverlust kann hier eintreten: vorausgesetzt, daß »Verlust« nicht nur als Untergang, Sich-Abhandenkommen erfahren wird, sondern als ein Verlassen auf ein Vertrauenswürdiges hin. Vielleicht hilft hier das Bild der Brücke für diese Identität: Sie besteht nicht aus zwei Pfeilern und der Wölbung dazwischen, die Brücke ist vielmehr das Ganze all dieser Teile. Anders: Der zweite Brückenpfeiler wird nicht auch noch hinzugefügt und kann ebenso weggelassen werden. Zum Menschen (dem einen Pfeiler) gehört die Spannung auf ein anderes, als er selbst ist. Weibliche Identität kann im Ausgreifen auf diesen »Anderen« wohl ihrerseits die eigentliche Stärkung erfahren; auch hier ist ein Zulassen von Zu-Kunft notwendig.

 

 8 Noch einmal Rilke (6. Duineser Elegie): »Wir aber verweilen, ach, uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innre unserer endlichen Frucht gehn wir verraten hinein.«

9 Victor von Weizsäcker, Anonyma, Bern 1945, 23.

10 Benedikt Godeschalk, Die versprengten Worte Jesu, München 1922, 43.

 

Aus: Gerl-Falkovitz

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"Man muss sich durch die kleinen Gedanken,

die einen ärgern,

immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken,

die einen stärken."

(Dietrich Bonhoeffer)

 

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Leben heißt Hoffen.

 

Jeder Atemzug ist ein Hoffnungsakt.

Denn in jedem Augenblick

geht es um den nächsten Augenblick,

um die nächste Zukunft.

Wenn die Resignation das Hoffen

sofort als Illusion denunziert,

wenn das Hoffen matt wird

unter der Last der Resignation,

dann wird auch das Leben matt,

entschlusslos,

ohne Zukunftsperspektive,

eingeengt nur auf die nächsten Notwendigkeiten

und aufs kleine private Wohl

für die paar Lebensjahre.

Mehr zu hoffen ist uns nicht erlaubt.

Die starken Argumente der Resignation

verbieten jedes Mehr.

 

(Helmut Gollwitzer)

 

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Aus Helmut Thielike

Von der Freiheit ein Mensch zu sein

Wunderlich Verlag

 

20. Todestag der Geschwister Scholl

 

 

Der rasante wirtschaftliche Aufstieg, der uns geschenkt war, droht uns vergessen zu lassen, welche Hypotheken von Schicksal und Schuld auf dem Beginn unserer jüngsten Epoche liegen. Die Menschen der Bibel wußten noch, dass die Schuld der Väter bis ins dritte und vierte Glied hinausgriff; auch die alten Tragödien wußten es auf ihre Art. Hier ertrug man noch die Last der Erkenntnis, daß keine Generation am Nullpunkt beginnt, sondern daß sie die Fracht der Vergangenheit zu übernehmen hat. Wo aber sind in unseren heutigen Rufen nach Wiedervereinigung, nach den verlorenen Gebieten jenseits von Oder und Neiße, wo sind in unseren Selbstbestimmungspostulaten auch nur Spurenelemente dieses Wissens erkennbar, daß der Herr der Geschichte uns offensichtlich einem Gericht überantwortet hat und daß wir selber es waren, die dieses Gericht provozierten?

Diejenigen, die in zeichenhaftem Widerstand das Nahen dieses Gerichtes verkündeten und als getreue Wächter von den Mauern ihre Weckrufe an die Schlafenden ergehen ließen, bis sie heruntergeholt und aufs Schafott gezerrt wurden - - diese alle haben es in der Reinheit ihrer Jugend  gewußt und sich in die Schuldsolidarität eingeschlossen.

Wir aber, die Überlebenden der Katastrophe, wir, die sich nicht geopfert haben, tun so, als ob nichts gewesen wäre, und gebärden uns als die Fordernden. Und derweil leben und wirken noch Mörder unter uns — und die menschlichen Gerichte sind sehr sanft zu ihnen.

Man verstehe mich ja nicht falsch: Ich meine nicht, dass das Wissen um geschichtliche Schuld und ihre Begleichung uns der Passivität oder gar fatalistischer Indifferenz überantworten dürfte. Graf Lehndorff, der Verfasser des Ostpreußischen Tagebuchs, hat in seiner Paulskirchen-Rede sehr richtig bemerkt: eine simple Preisgabe der östlichen Heimatgebiete würde uns Deutsche in den Augen der Welt keineswegs glaubwürdiger machen, sondern sie würde uns nur als noch labiler, wankelmütiger und bindungsloser erscheinen lassen. Ich vermisse (und allein darauf kommt es mir an!) nur einen bestimmten Ton in jenen Forderungen: den Ton des Wissens, daß es hier nicht um selbstverständliche Postulate und auch nicht um einen unbelasteten Raum geht, in dem sie zu erheben wären, sondern daß die Wiederherstellung des Verlorenen nur ein gnadenvoll Gewährtes sein könnte, nur etwas, das wir uns keinesfalls selber zusprechen können — das aber auch keine irdische Macht uns versagen dürfte, wenn es uns so gewährt wird. Man könnte mit den Worten der Bibel sagen, daß nur der Demütige die Chance der Gnade gewinnt.

S. 14-15

 

Was darf uns, die Nachwelt, hindern, jene Rühmung auszusprechen, es habe einmal Heldentum unter uns gegeben, als die Nacht sich über unser Land legte — — — und also habe nicht nur die Finsternis über uns herrschen dürfen? Es mußte die Nacht wohl geben, damit dieses Leuchtende möglich würde. Aber die Nacht fand auch ihre Grenze an ihm:

 

Wo aber Gefahr ist, wächst

Das Rettende auch.

Im Finstern wohnen

Die Adler, und furchtlos gehn

Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg

Auf leichtgebaueten Brücken.1

Hölderlin, Patmos.

 

So lassen Sie mich schließen mit der Bitte, man möge es nicht als Mißklang oder Taktlosigkeit verstehen, wenn manches Harte und Ärgerliche in dieser Stunde laut werden mußte. Über den Ruinen einstiger Lebensschicksale wächst so leicht Gras. Und manchmal, wenn ich nach Fliegerangriffen auf den schuttbeladenen Straßen und in den zerstörten Heimstätten nach Überlebenden suchte, stellte ich mir mit innerem Schaudern vor, wie nach einigen Jahren dies alles mit Grün überwachsen und wie der bange Augenblick des Jetzt ein unwirkliches Einst geworden sein würde.

Dann würde die Zeit dafür sorgen, den furchtbaren Ernst des durchlebten Geschicks zu verklären und ihre Legenden zu bilden. Ich wollte heute das Gras ausreißen und die Patina herunterkratzen. Mir ging es darum, eben jenen furchtbaren Ernst hörbar zu machen, der nach uns greift, wenn Größe und Schrecken der Vergangenheit die Schwelle des Heute überschreiten und auf uns zufahren. Ein großer Teil derer, die man aus verklärender Distanz als Helden verehrt, würden zu Provokateuren werden und Ärgernisse hervorrufen, wenn sie heute unter uns träten; sie würden viele ihrer Verehrer in Gegner verwandeln. Es bedarf der Verfremdungseffekte, damit wir uns nicht im Parkett des Welttheaters herumräkeln und das zu einer billigen und unverbindlichen Schau machen, wofür ein strahlendes junges Menschentum sich einmal geopfert hat. »Monumentale Historie« (Nietzsche) tut weh, wo sie ernst genommen wird.

Und hier geht es um monumentale Historie.

 

S.. 30-31

 

 

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"Wo kämen wir hin,

wenn alle sagten,

wo kämen wir hin,

und keiner ginge,

um zu sehen,

wohin wir kämen,

wenn wir gingen."

                        (Kurt Marti)

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Samuel und Agag

 

Ich traf einst auf einer Reise mit einem Mann zusammen. (…) Es war ein gesetzestreuer Jude, (…) das für mich Wesentliche aber war, dass (…) dieses Verhältnis zur Tradition seinen Ursprung und seine stets erneute Bestätigung in dem Verhältnis des Mannes zu Gott hatte.

 

Als ich ihn nun wiedersah, fügte es sich, daß wir in ein Gespräch über biblische Fragen gerieten, und zwar nicht über periphere, sondern über zentrale, über zentrale Glaubensfragen.(…..) jenen Abschnitt des Samuelbuches (….) in dem erzählt wird, wie Samuel König Saul die Botschaft Gottes überbringt, die dynastische Herrschaft werde ihm entzogen, unter anderem deshalb, weil er den besiegten Amalekiterfürsten am Leben ließ. Ich berichtete meinem Gesprächspartner, wie furchtbar es mir schon in meiner Knabenzeit gewesen ist, diese als Botschaft Gottes erscheinenden Worte zu lesen (und mein Herz nötigte mich, sie immer wieder zu lesen oder auch nur daran zu denken, daß dies in der Schrift geschrieben steht); wie grauenerregend es mir schon damals war, zu lesen oder zu erinnern, wie der heidnische König, mit dem Spruch auf den Lippen »Sei's drum, schon wich des Todes Bitterkeit« auf den Propheten zugeht, um von ihm »zerhauen« zu werden. Ich sagte zu meinem Partner: »Ich habe es nie glauben können, daß dies eine Botschaft Gottes sei.«

 

Unter gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen flammte der Blick des Mannes, der mir gegenüber saß, mir in die Augen. Er schwieg, setzte zur Rede an, schwieg wieder. »So?« brachte er endlich hervor, »so? Also das glauben Sie nicht?« - »Nein«, antwortete ich, »ich glaube es nicht.« »So? so? Sie glauben es nicht?« wiederholte er fast drohend. Und ich noch einmal: »Nein.« - »Was ... was ...« - er stieß das Wort Mal um Mal vor sich her - »was glauben Sie also?« »Ich glaube«, sagte ich ohne zu überlegen, »daß Samuel Gott mißverstanden hat.« Und er, wieder langsam, aber leiser als bisher: »So? das glauben Sie?« Und ich: »Ja.« Dann schwiegen wir beide. Nun aber begab sich etwas, dessengleichen ich vorher und nachher in diesem meinem langen Leben nur selten gesehen habe. Das zornige Gesicht mir gegenüber wandelte sich, wie wenn eine Hand beschwichtigend drüber gefahren wäre. Es erhellte sich, klärte sich, war nun hell und klar mir zugewandt. »Nun«, sagte der Mann mit einer geradezu sanften Deutlichkeit, »das meine ich auch.« Und wieder schwiegen wir beide, eine gute Weile lang.

 

Es ist am Ende nichts Erstaunliches, daß ein gesetzestreuer Mann dieser Art, wenn er zwischen Gott und der Bibel zu wählen hat, Gott wählt: den Gott, an den er glaubt, den, an den er zu glauben vermag.( ….)

 

Hingegen ist mir in all der Zeit seit jenem früheren Gespräch je und je die Frage in den Sinn gekommen: ob ich denn damals auf die rechte Art geäußert habe, was ich meine. Und je und je erwiderte ich gleicherweise: Ja und nein. Ja, insofern es darum geht, was in jenem Gespräch gesprochen worden ist; denn da galt es, dem Partner in seiner Sprache und innerhalb der Grenzen seiner Sprache zu erwidern, damit der Dialog nicht zuschanden werde und die zuweilen zwei Menschen gewährte gemeinsame Einsicht in eine Wahrheit sich, wie begrenzt auch, vollziehen könne. Insofern es darum geht, ja. Nein aber, wenn es darum geht, sowohl selber zu erkennen als auch zu erkennen zu geben, daß die Menschen und die Menschengeschlechter dazu neigen, Gott mißzuverstehn. Der Mensch ist so erschaffen, dass er verstehen kann, aber nicht verstehen muß, was Gott ihm sagt. Gott gibt den erschaffenen Menschen den Nöten und Ängsten nicht preis, er leiht ihm den Beistand seines Worts, er spricht zu ihm, er spricht sein Wort ihm zu. Der Mensch aber horcht nicht getreuen Ohrs auf das ihm Zugesprochene, er vermengt schon im Hören Himmelsgebot und Erdensatzung miteinander, Offenbarung des Seienden und die Orientierungen, die er sich selber zurechtmacht. Von diesem Tatbestand sind auch die heiligen Schriften der Menschen nicht ausgenommen, auch die Bibel ist es nicht. Es geht letztlich nicht darum, daß diese oder jene Person der biblischen Geschichtserzählung Gott mißverstanden hat; es geht darum, dass in dem Werk der Kehlen und der Griffel, aus dem der Text des »Alten Testaments« entstanden ist, sich wieder und wieder Mißverstehen ans Verstehen heftete, Hergestelltes sich mit Empfangenem verquickte. Wir haben kein objektives Kriterium für die Scheidung; wir haben einzig den Glauben, - wenn wir ihn haben. Nichts kann mich an einen Gott glauben machen, der Saul bestraft, weil er seinen Feind nicht ermordet hat. Und doch kann ich auch heute noch den Abschnitt, der dies erzählt, nicht anders als mit Furcht und Zittern lesen. Aber nicht ihn allein. Immer, wenn ich einen biblischen Text zu übertragen oder zu interpretieren habe, tue ich es mit Furcht und Zittern, in einer unentrinnbaren Schwebe zwischen dem Worte Gottes und den Worten der Menschen.

 

Aus Martin Buber  -- Begegnung   S. 79ff

 

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Die Missachtung des Lebens und
die Brutalität gegen den Menschen
lassen die Fähigkeit des Menschen
zur Unmenschlichkeit erkennen.
Sie kann und darf kein Mittel
irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.

Rosa Luxemburg
(geb. am 5. März 1871 -  ermordet am 15. Januar 1919)

 

Je reicher wir geworden sind,
desto mehr sind wir moralisch
und geistlich verarmt.
Wir haben gelernt,
wie die Vögel zu fliegen und
wie die Fische zu schwimmen.
Aber die einfache Kunst,
wie Geschwister zusammenzuleben,
haben wir noch nicht erlernt.

Martin Luther King
(geb. am 15. Januar 1929 -
 ermordet am 4. April 1968)

 

 

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Olympe de Gouges

 

Vorrede zur Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, 1791 (bearbeitet):

 „Mann, bist du überhaupt imstande, gerecht zu sein? ... Kannst du mir sagen, wer dir die unumschränkte Macht verliehen hat, die Angehörigen unseres Geschlechts zu unterdrücken? ... Schau auf den Schöpfer in seiner Weisheit, (...) betrachte die Geschlechter in der Ordnung der Natur. ... Allein der Mann (...) will in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des klaren Verstandes in durch nichts mehr zu rechtfertigender Unwissenheit despotisch über ein Geschlecht herrschen, das über alle geistigen Fähigkeiten verfügt. Er nimmt für sich in Anspruch, die Revolution für sich allein zu nutzen und seine Rechte auf Gleichheit einzufordern, um nur so viel zu sagen.“

aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Olympe_de_Gouges#Zitate

 

 

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Darf man glücklich sein, wenn andere leiden?

 

Der Atem Gottes in uns ist tiefe Freude. Wenn wir glücklich sind, sind

wir im Einklang mit Gott. Wenn aber andere Menschen leiden, ist unsere

Freude nicht mit ihrem Leiden in Einklang. Deshalb schreibt der Apostel

Paulus: Ja, „freut euch mit den Fröhlichen“, aber auch: „Weint mit den

Weinenden!“ (Römer 12,15). Gewiss, wir sind für die Freude gemacht.

Angesichts des Leidens anderer sind wir aber in der Wahrheit, wenn wir

weinen. Das Glück kann Menschen verletzen, die von ihm ausgeschlossen

sind. Die Zufriedenheit erfolgreicher Menschen kann andere verletzen,

die unterlegen sind. Der Jubel Liebender kann Menschen wehtun, die im

Stich gelassen wurden .… http://www.taize.fr/de_article8169.html

 

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Beschluß

 

Freund, es ist auch genug.

Im Fall Du mehr willst lesen,

so geh und werde selber die Schrift und selbst das Wesen.

Angelus Silesius

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Ein Ge-schichte aus:

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Fußzeile Hans Reichenzer BC